Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Reif für die Inseln  
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  Impressionen 
  
  Unawatuna, Ela, Kandy, Sigiriya, Unawatuna

  


Store in a cool dry place - away from the sunlight.
Foster - pure water received from deep fountain,
prepared through modern technological theories
protecting its natural
biological values.
Do not accept if seal is broken.


Containerschiffe, die Reihe der Leuchten der Fischerboote, 
Sonnenuntergänge - gesehen am Meereshorizont des indischen Ozeans, 
auf dem Tempelberg rastlos thronend, muss gen Westen gewesen sein. 


Wo rastet die Sehnsucht?

Hier an diesem Strand nicht, nicht in den Slums 
oder bei dem Hochzeitsausstatter, dem Flughafensicherheitsbeamten im faserigen Colombo, 
von denen am Abend ihrer Feiern zum Unabhängigkeitstag eingeladen, 
sie näher kennen zu lernen, Frauen, Orte und Essen kennen zu lernen, 
dreht die Sehnsucht leer, rastet nicht. 
Gen Westen, Stunden gen Westen rastet sie nicht. 
Die Einsamkeit imaginierter Gespräche, Gesprächsfetzen. Die Einsamkeit der Bücher. 
Die Einsamkeit nicht gesprochener, nicht gelauschter Worte. 
Nicht getauschter Blicke.


Versäumte Fotografien. 
Bäume mit samtiggrüner Blätterkrone, leuchtend in organefarbener Blüte. 
Lehmhütten, in der Technik, die Lehmziegel oder die Flechtfachwerk 
- hineingesetzt in anmutiges Bambusskelett - vorgeben. 
Bretterhütten, natürlich fensterlos. Wellblechdächer auf dem Grand Hotel 
in Nuwara Eliyah, Wellblechhütten irgendwo entlang des Wegs.

Das Lächeln gegen aufziehendes Altern in den Gesichtern von Maria und Fasha, 
der sanft eruptierende Stolz, die feine Freude angesichts Fashas 
Errungenschaften, dem Vorzeigen ihrer Errungenschaften, 
der ringsum blausteinige Ring, wohl Saphire, die Tücher, Schals, der Seiden-Sarong, die sie kleiden. 
Die Balanceängste von Dinx auf den Stufen Sigiriyas, die Balanceunsicherheiten von Jellena 
auf den Stufen des Zahntempels. Ihr fragender Blick nach der Caritas meines Arms. 
Meine Ängste, wenn ich von einem hier Wohnenden nach meiner Adresse gefragt werde, 
meine mir gegebenen Beschwichtigungen, wenn ich sie aufschreibe, auf gerade verfügbarem Papier: 
wirdwohl, wirdwohlnichtso ...

Meine klammen Simplifizierungen der Buddhastatuen. 
Deren Gestaltung, Formgebung, Farbigkeit meine Gedanken in Jahrmärkte, Kirmesbuden versetzen, 
wären da nicht die Kokosöl-Lämpchen, die duftenden Räucherstäbchen vergangener eigener Epochen. 
Die aus den Teestuben, Wohnheimen, vor den hindefilierten Mädchen 
und zu den Spielen, Scharaden, die die Erlangung der Begierden ermöglichen sollen 
und deren Erlangung in so genutzter Zeit, in heiterer, fideler, in einsteinischrasender Zeit sie hintertreiben. 
Epochen in meinen Höhlen im Pleistozän. 
Wäre da nicht die inbrünstige Religiosität, wie ich sie einst erlebte, mehr noch ersehnte. 
Soll ich hier von Erich Fromm schreiben, vom nie gelesenen Meister Eckhart, von Jean Améry? 
Die Blumen-, Blütenopfer wiederum tragen mich in die chamoistriefenden, 
dunklen Gotteshäuser katholischen Europäer - ohne das ich wüßte, wie sie mich dahin zu tragen vermögen.

Versäumte Fotografien. 
Von Eisenbiegern, bewaffnet mit ihrem Willen, steinigem Untergrund, einem Schlagwerk.
Angelieferte und am Straßenrand gelagerte Hügel roter, 
später dann auch brauner Erde, mit radholpernden Karren über einen Pfad 
in Tagesglut hinübergebracht zur Gestaltung eines Gartens im ayurvedischen Massagehaus. 
Maskenschneider. Kokos-Tau-Zieherinnen. Mit großen waagerecht gelagerten Speichenrädern, 
mit etlichen zehn, hunderten  Metern Geduld. 
Näherinnen, Sägewerkarbeitern, Teepflückerinnen. 
Die Heerschar der Tuk-Tuk-Chauffeure, die Heerschar beschlipst formularfüllender 
Bankparia. Die Wracks. Von Schiffen, gesehen irgendwo entlang der Zugstrecke, 
das, von dem ich in Unawatuna höre, denen von Zügen im Ausbesserungswerk 
nahe des faserigen Colombo, alt, verrostet, schön, 
teilweise, vollends zugewuchert, nicht nur mit Bougainvillea. 
Hand- und schaufelgerührter Beton, Bambusstützen unter Verschalungen, 
Verschalungen aus ungehobelten, rindenbehafteten Brettern, Bambusgerüste. 
Areale von Beton und Moniereisen eines künftigen, mehrgeschossigen Einkaufszentrums. 
Moniereisenkronen erster, zweiter Geschosse von einfachen Häusern, 
Wohnhäusern, die vielleicht später, vielleicht nie fertig gestellt werden. 

Ein toter Skorpion, ein Schlangenbiss in den Mutterkörper Melindas vor einem solchen Haus. 
Ein Mönch, einer von denen, safran-, gelb- oder weinrot gekleidet, die ich meide, 
versteht sich auf Bisse, ihre Behandlung mittels der Steine, der Schlangensteine, 
die zur Reinigung nach Gebrauch in Milch gelegt werden, Milch die sich blutrot färbt, 
lehrt einen weiteren an. 
Später soll sich der Biss dennoch entzünden, Antibiotika und westliche Lehre herbeiflehen lassen. 
In Büchern, in Beschreibungen kommen die Mönche und ihre Welt mir nahe. 
Sehe ich sie auf der Straße, im Bus, starre ich und meide sie. 

Und dann ist da noch dieses andere Starren. 
Auf die nächste Stunde, auf die nächsten Tage. Die nahe Zukunft. 
Unterbrochen und eingebettet in kleine Gespräche zum Nebentisch, 
zu den englischstämmigen documenta-Besuchern aus New Mexico, 
zu den Hiergebliebenen und den stets Wiederkehrenden, 
zu dem Koch im Imesh-Restaurant, der Edelsteinschleifer ist. 
Das Starren auf die Pläne, die man machen könnte, 
die Festlegungen, die man treffen könnte. Die ich meide. 

Noch bin ich nicht hinaus gewesen zum Schnorcheln am Korallenriff, 
das Glasbodenboot hat mich noch nicht aufgenommen, 
die Finale im Elefantenpolo in Galle finden ohne mich statt, 
die von Freunden mitgegebenen Fotos, die ich der Familie 
in Hikkaduwa im ayurvedischen Massagehaus abgeben soll,  
ruhen noch in meiner Reisetasche. 
Das vorschwebende maßgeschneiderte Arbeitskittelchen, 
nun ja, ein Sakko, ist nichtmals angefragt, geschweige denn geschneidert. 

Dies Starren auf die nahe Zukunft voller Möglichkeiten, 
für die ich mich bereithalte wie eine Braut aus längst 
vergessenen Romanen. Möglichkeiten, deren keine sich konkretisiert, 
weder in meinen Vorausahnungen, noch in gelebten Tagen. 
Für die ich mich bereithalte.

Versäumte Fotografien. 
Melindas milchweisen, prallen Brüste, die sie Delilah zum Trinken reicht, 
vor den runden Ruinen im Wassergarten Sigiriyas, von ihr Mandala genannt 
und sich so, in wohl auch festhaltender Absicht, zu dem fünfzigjährigen, 
fotografierenden Vater Michael und zu mir umdreht. 
Deren mattviolette Venenmarmorierung, deren feuchte, nach Delilahs Saugen 
üppig geschwollenen, festen, einladenden Warzen, 
die nicht nur Delilah locken, sie in den Mund zu nehmen. 

Wo rastet die Sehnsucht?
  

Sri Lanka ( 1 / 21 )

© Dietmar Engelberth, 2004