Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Curriculum vitae

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Feuer, Erde, Wasser, Luft

    Was ist für Sie das größte Unglück?         (Forts.)

 
Zuerst war ein Knistern und dann rissen die Kacheln und die Wanne sackte. Und ich: "Du mußt hier raus." Aber dann prasselten Stückchen ins Wasser, und ich ließ mich zurückfallen. Und die Angst. Ich hatte immer schon Angst zu fallen.

Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich damals ritt, aber die Jungs, zu Hause, hatten gesagt, ich könne nur dann bei ihnen mitmachen, wenn ich ihnen aus dem 'Blitzbaum', der schon lange halb über dem Fluß hing, das verlassene Nest holen würde. Und plötzlich ging's nicht weiter. Nicht nach vorn, nicht nach hinten. Und ich hab geschrien und geschrien. Und die Jungs sind weggelaufen. Und ich konnte das Nest nicht mehr sehen, nur nach unten, wo das Wasser so schnell floß. Und später - viel später -, dann kam Papa. Er kam, als ich schon runtergefallen war und Wasser schluckte und als alles so dunkel war. Wasser ist dunkel. Und wenn ich ab und zu etwas Helles, ein Stück Himmel, Licht sah, hab ich geschrien. Lauter, viel lauter als vorher auf dem Stamm. Und dann bekam ich endlich etwas zu fassen, ich weiß bis heute nicht, was es war, nach allem, was mir vorher aus den Händen geglitten war oder einfach abriß. Und ich konnte mich ans Ufer ziehen. Und ich habe geheult. Und dann erst kam Papa. Und ein oder zwei Jungs liefen hinter ihm her. Blieben dann aber stehen. Und als Papa mir seine alte Jacke umgehangen hatte und mich nach Hause brachte, waren sie nicht mehr da. Und auch als ich danach ins Krankenhaus mußte und damals schlimme Schmerzen in der Brust hatte und die Schwestern mir immer was auf die brennende Brust gerieben haben, und dann war's etwas kühler, und ich die bittere Medizin nehmen mußte und als ich immer gehustet habe und mein Husten manchmal blutig war, auch da war Papa oft nicht ... Ich hätte mir so gewünscht, daß er bei mir ist.
Dafür sind einmal die Jungs gekommen und haben mir Spielsachen und Süßigkeiten mitgebracht. Aber am Schönsten war es, wenn die Schwestern den Nebel in mein Zimmer brachten. Dann konnte ich mich meistens zurücklegen und ganz ruhig liegen.

Ich geh auch in keinen Aufzug. Wie weh das immer tut, immer noch, wenn mal wieder eine spottet. Aber ich geh in keinen Aufzug.

Jetzt bewegt sich nichts mehr.
Nein, ich höre nichts. Kein Zerbersten, kein Aufprallen, kein Prasseln, kein Knarren. Stille.

Und die Angst.


© by Dietmar Engelberth, 2000


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