Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Curriculum vitae

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Ruth's Geschenk

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Zum 01. September soll er seine neue Stelle antreten.
Am Sonntagabend, am 18. August hat er sich von den Jacobs verabschiedet. Worte, die gesagt werden mußten, die, die leicht über die Zunge gingen, mit Marie-Sophie Jacob gewechselt, ihre Hand gedrückt. Johann Jacob umarmt.
Später hatte er auch Mathilde in seine Arme geschlossen. Um fünf, am nächsten Morgen hat er einen letzten Blick auf Mathildes Hand geworfen. Der Hand, die ihm hinter der Fensterscheibe zuwinkte. Die winkende Hand. Den Rest barg der Vorhang. Der schwere Vorhang, dessen, dem Raum zugewandten Seite, die aufgestickten Fasane zeigte. In gleichem Rotbraun wie der Vorhang selbst. Dabei aus anderem Gewebe. Die Fasane. Er wußte nur nicht mehr aus welchem. Mathilde hatte es ihm erklärt. Aber er kannte sich mit Stoffen nicht aus. Die Fasane, die er einmal sogar gezählt hatte.
Selbst den Unterarm der winkenden Hand barg der Vorhang, sahen nur mehr die Fasane.

Seine ursprüngliche Absicht, die Arbeit in Nürnberg schon im Juli zu enden, um seine Eltern in Ilsenburg aufzusuchen, hatte er wieder verworfen. Er sorgte sich, daß das Brot und Bier, sonntags schon mal geschmorte Nierchen oder Hühnerklein, die Miete für sein Zimmer, die zu erneuernden gröberen, feineren und die Vogelzungenfeilen, Reibahlen, Reib- und Egalisiereisen, die Nietenzieher, Untersetzer und Kopfmacher, daß das Leben in Leipzig teurer sein würde als sein bisheriges. Und er wollte die Ersparnisse nicht leichtfertig vergeuden. Darum untersagte er sich Zugfahrten. Die Postkutsche fand sich nicht in seinen Plänen. Nicht mehr.
In den ersten Augusttagen kamen Händler zurück. Aus Dresden, Wien, Berlin, aus Köln. Oder von anderen Zielen. Es waren jene, die er bislang nicht hatte befragen können. Aber keiner, jedenfalls niemand, den er kannte oder von dem er gehört hatte, nicht einer von denen, die vorher schon zurückgekehrt waren, wollte in nächster Zeit nach oder über Leipzig reisen. Immer nur das gleiche Achselzucken auf seine Frage. Ebenfalls keiner in die Thüringischen Staaten oder ins Nordhessische. Er würde versuchen seine Eltern zu Weihnachten zu sehen.
Auch wenn sich herausstellte, daß Nürnberg und Leipzig sich in nichts nachstanden, in den Kosten nicht und in den zu erhaltenden Freuden nicht - jenseits seiner täglichen, seiner fast täglichen Lust an seiner Arbeit, jenseits seiner Arbeit, war er unsicher. Bange, was ihn erwartete - die Ersparnisse benötigte er, hob er sich auf für seine weiteren Vorhaben, wahrscheinlich würden sie sogar aufgezehrt von den Gebühren, Büchern, Bestechungen auf dem Weg, den er zu gehen hatte, um zu seinem Ziel zu gelangen. Meisterbrief und eigene Werkstatt.

© by Dietmar Engelberth, 2000


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