Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Curriculum vitae

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Ruth's Geschenk

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Der verfluchte Regen. Die im Schuhwerk klammen Zehen, mit deren Hilfe er in früheren Nächten Matthilde Geschichten von den Raubwäldern seiner Heimat, von dortigen Männern, Frauen, an die er sich noch erinnerte, erzählt, sie dazu gebracht hatte ihre Zähne, davor hervorschießend ihre Zunge blecken zu lassen, seine Zehen lachten ebensowenig wie der bartgehüllte Mund Christian Friedrich Morthaus. Und der sich sonst unter warmem, vielfältigem Lachen brandend-kräuselnde oder der im Sitzen dünende Bauch war damit beschäftigt nicht sich zu gewahren, war beschäftigt der Gänsehaut der Schultern, des absteigenden Nackens Raum zu lassen. Allen Raum. Und den verkrampfenden Schenkeln, Muskel für Muskel Kraft für die nächste Schritte. Voranschreiten, seinen Körper vorantragen war nicht Christian Friedrichs gewöhnliche Tat noch sein erwähltes Ziel, vertraute er sich an und stieg über eine weitere Wurzel oder faßte die nächste Biegung ins Auge.
Und mit wem auch lachen? Mit seinen dunklen, eigentlich strohfarbenen, von der Farbe angesengten Strohs, des aus geräumiger Ferne betrachteten angesengten Strohs, mit seinen an Stirn und Schläfe und in dem absteigenden Nacken klebenden Haarsträhnen? Oder mit dem Wachstuchsack, den er an der Seite trug. Bis er ihn hinüber auf die andere schob. Eine weitere ausgewaschene Vertiefung in den Wegfurchen überwunden und seine freie Hand langte quer hinüber zu der glitschenden Leine, den Wechsel zu vollführen. Andauernd. Eine Biegung und die andere Hand langte herüber. Da blieb keine Zeit. Nicht die, zu lachen. Allenfalls die, seine freie Hand, den Handballen, einmal zum Zurückdrängen der erneut in die Stirn herabgefallenen Strähnen zu nutzen.
Der verfluchte Regen. Wie lange dauerte der jetzt schon an? Tage. Hätte er doch den Zug genommen. Auf den Strecken jedenfalls, die schon befahren wurden. Und das war mit der von Nürnberg nach Neuenmarkt und der von Reichenbach nach Leipzig, das weitaus größte Wegstück.
Was für eine verrückte Idee, heute, im Jahr 1844, wo es Züge gab und da, wo die Linie noch nicht vollends gebaut war, zogen Pferde, meist nordländische, sicher wie nie ein Gedanke zum Ohr des Angesprochenen schwebt, die Bahn auf den Gleisen, und da wo es selbst diese Gleise nicht gab, noch nicht gab, verkehrte die herkömmliche Postkutsche - und da waren noch Händler, die einen für einen kleinen Beitrag, meist ein Entgelt, mal eine Zollbehilflichkeit oder eine andere benötigte Gefälligkeit, mitnahmen, verrückt heute noch zu Fuß von Nürnberg nach Leipzig zu gehen.


© by Dietmar Engelberth, 2000


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