Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Curriculum vitae

   

Lied der Hure beim Zahnarzt

   

 
Zwischen
...

Ich lache nicht. Wenn die Familie zusammenkommt. Dann lache ich.
Wenn ich lache, mag ich mich nicht. Die Familie. Kommt ja doch nicht zusammen.
Nur Ruth, aus deren Leib ich gekrochen bin.
Und ihren - in welcher Farbe war gestern der Schnauz, der ihr ihre Zigaretten herüberreichte?

Zwischen zwei
...

Ich habe keinen Ekel vor Mayonnaise. Die kann ich schlürfen.
Öffne meinen Mund nicht. Aioli. Und die hellhäutigen Pfunde lassen sich im Geschäft nicht schlecht an.
Gerd wollte mich auf der Domina-Schiene. Da würd' heute das Geld stecken.
Aber jedesmal - ich weiß auch nicht warum - war auch egal, wie behaart der Freier war -
dachte ich an den Rotschnauz, den sie hatte,
als ich mich zum Verrecken mit dem Tretroller den Hügel nicht runter traute.
Und er stand unten, lachte, sie auch. Und ich brachte es nicht.
Geld haben die Freier nicht zurückbekommen. Keiner. Trotzdem ... die Berufsehre.
Meine Ehre.
Ist ja eigentlich nicht schwer, so ein Hügel. Mull hatte ich auch immer dabei.
Ist ja auch gleich, ob die Spuren klein und breitreifig im Schneematsch oder auf Rücken,
die mir die entscheidungs-gebundenen Kinder mit ihrer Geldtransferierung boten, aufblühen.



Zwischen zwei angenehm
...

Wann gab's das eigentlich zuletzt? Einen Winter? Minuswerte?
Derentwegen wir uns im Allklassenraum meiner Schule aneinanderschmiegten.
Ich mochte sie zwar nicht riechen. Die Zahnspangen. Die Lücken im Wissen meiner Mitschülerinnen.
Und doch, das Entgleiten aus dem auftauenden Schuhwerk, die entstehenden Pfützen an der Garderobe,
das Aneinanderschmiegen, das misse ich.
Gerd überlegt jetzt, ob Cyberspace, LiveChat oder was immer er da sagte ...

Zwischen zwei angenehm leicht
...

Ich schwöre gerade Frauen ab. Ach, Ruth, was hast du damit zu tun? Geh weg. Lach nicht.
Frauen nehm' ich nicht. Nicht als Job. Die Freier fragen schon mal, ob sie ihre Freundin - mache ich nicht.
Redet Gerd auch nicht rein.
Ich präsentiere einen guten Abend, mache eine gute Stunde, offeriere eine gute Nacht. Meinen Körper verkaufe ich nicht.
Wirklich. Vielleicht, wenn ich tagsüber arbeiten würde. Tagsüber sind die anders.
Ich auch. Vielleicht würde ich tagsüber mal ... Kann ich immer brauchen.
Und wenn Gerd auch nichts davon ... Den Zahnspangen hätte ich gerne einen verpaßt.
Ohne zu lachen. Hätte ich auch was für genommen. Damals, des Tags. Mit der Faust. Oder der Zunge. Aber mit Frauen arbeite ich nicht.
Ich wandere schon wieder meine Gedanken entlang. Die ganze Zeit über. Habe ich im Schulbus oft gemacht.
Gedankenwandern ist schön. Grausam auch. Je nachdem. Hat mich nicht weitergebracht.
Ist ganz anders als einen Rücken entlang. Klar. Aber mach' ich immer noch.
Und kaum leg' ich los, schon begegne ich allem Möglichen, Bildern, Floskeln, Namen, Orten. Neuem. Altem.
Normal, ich weiß nicht, normal ist es nicht. Jedenfalls, wenn man wandern will, ist Busfahren gut.
In den Sitz fallen lassen und ab damit. Ich überleg' mir das mit den Frauen noch mal.

Zwischen zwei angenehm leicht absolvierten
...

Überhaupt die Blonden. Zahnarzthelferinnen. Meistens blond.
Ich weiß nicht, warum. Ist so. Manchmal machen die Zahnarzthelferinnen mit Schwarzschnauzern rum. Habe ich schon gesehen.
Auch Rechtsanwaltsgehilfinnen. Blond. Die auch oft nur mit den schwarzen.
Und von denen sind viele Müllwerker. Ist in Ordnung.
Wenn ich es sehe und solang es mir nicht ins Geschäft pfuscht, ist es in Ordnung.
Und wenn ich's mir überlege, eigentlich gehörten die Zahnarzthelferinnen und die Müllwerker
zwischen Nord- und Gnadensee zum offiziellen Kulturschatz der Bundesrepublik Deutschland erklärt.
Auch die Rechtsanwaltsgehilfinnen. Und ich. Und nicht der Kanzler.
Nein, der soll nicht mit dabei.
Wenn ich mir vorstelle, den hätte ich mal ...
Mir wird auch nicht besser, wenn ich mir den bei einer Zahnarzthelferin vorstelle ...
Und dann, falls dann Krieg ist, wollen wir geschützt werden wie der "Mann mit dem Goldhelm" oder wie der "Lange Eugen".
Soll Gerd mal bei seinen Freunden ansprechen.
Nicht nur immer mit denen das ängstliche Gefasel um das neue Geld und die alte Währungsschlange und wie's sich auf's Geschäft auswirkt.
Genau. Sollen die doch mal was für uns tun.

Zwischen zwei angenehm leicht absolvierten Jobs
...

Wenn ich aus dem hier raus bin, vielleicht lache ich dann.
Der Arzt oder sein Kollege, wenn sie gut sind, vielleicht lache ich dann.


© by Dietmar Engelberth, 2000




© Dietmar Engelberth, 2000