Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Curriculum vitae

   

Baltische Notizen (I)

    Vilnius

 
Die Ware, mein Haar, vom Kopf befreit, wollt' ich noch beim Bürstenmacher vorbeitragen.
Meinem Sohn wollt' ich in den Zweig einer Weide die Röhre, Öffnungen einer Flöte bohren.
Dem Advokat wollt' ich aufs leere Blatt 'Letzter Wille' diktieren und dann verzagen.
Mein Haar "Zu weich.", so der Bürstenmacher. Draußen klaub' ich den Zehner mißmutig hinter eins der Ohren.


Ein Weib, verläßlich mir zugeneigt, auch sonst nicht argen Willens, wollt' ich noch besteigen.
Es sollt' mich nichts kosten - woher auch, erübrigen wollt' ich dies Lächeln, ein Streicheln meiner Hand, ein bißchen abgezweigte Aufmerksamkeit.
Und mit ihr wollt' ich ihn zeugen, den Sohn, der nie es spielen wird, das Instrument aus Zweigen.
Und wohlgenährt im Wahn hör' ich den Bürstenmacher: "Zu weich." und weiß nicht, meint er das Weib, das mir so unergründlich weit.


Nun blaßt mein Schädel - noch nicht auf weißem Tuch - ruht nur auf blankem Asphalt
Und verflucht, verflucht die Zeit, die die Worte weiß, die Kupplerin
Und weiß doch keinen Vorschlag für mein Leben, träufelt nur schnatterig ein: "Na, nu liebt euch halt..."
Und hör' den Bürstenmacher zum Advokaten: "Die Gerätschaft heutigen Gebrauchs erfordert nicht mehr Haar.
Künftig knüpf' ich Glasfasern und Monitore. Laß' doch nicht zu, das Zeit, auch unsere nicht, sich aufwirft zur Gebieterin."

© by Dietmar Engelberth, 2000


   

Baltische Notizen (II)

    Kartografie

 
Orte durchwalten: Vilnius, Suratthani, Hyères, möglicherweise noch Rothenburg ob der Tauber.
Der Zucker, wo war er noch in Quader gepreßt, wo galt es sein unbrauchbares Verklebtsein zu bekritteln.

Feine Waagen bräuchte es anhand verbrauchten Toilettenpapiers alle Verweildauern zu ermitteln.
Das wurde nicht gesammelt, getrocknet, an Winterabenden lustvoll schauernd vorgezeigt, geordnet, aufgereiht im 'journal bestiarum'.


Erlebt wurde da draußen die Wirklichkeit magnetgestreifter Träume von der Welteneinheit: "You're welcome."
Und konnten so - eingeladen - Nase, Hände, Augen eintauchen in Gewürzmarktstände, Zweitaktergeräusche, heilige Quellen,
mochten sich wohl auch Zollformalitäten, Steinhaufen, ausgewählt knospende Brüste und Bettler hinzugesellen:
Einzug ins Album fand nur das Billet vom lächelnden "Sign here.", ansonsten blieb es - ganz ohne eigenes Zutun - sauber.


© by Dietmar Engelberth, 2000


   

Baltische Notizen (III)

    Fernweh

 
Ich sah, da wehrte gerade eine rundreife Frau die Hand eines Betrunkenen ab.
Er wollte nichts verspielen: hielt seine Hand an seinen Hintern, nicht an ihre Scham.
Bevor er morgen sein Gesicht ins geschöpfte Wasser taucht, lacht er sich Trost. Schlapp,
tremorkaskadend die Hand, die das Wasser führt, die immer noch nur nach ihm riecht, nicht nach der Idee, die ihm bei ihr kam.


Seit Wochen kennt er: Nachrichten aus den Zeitungen, Gläser, bezahlte Inhalte, seine Ausdünstungen, Ausgeburten.
Unterwegs, nirgends - lächelnd Erinnerungen freiend, verabschiedend Liebkosungen, auch die von morgen, an seiner Tür.
... und stellt sich vor, sie rieche ihn, dessen Hand sie nicht berührte, und stellt sich vor, sie stelle sich vor, sie hurten.
Und schneidet sich beim Rasieren, erinnert sich: die Fahne wollte er zerschneiden, sich nähen aus diesen Luftfetzen
eine Standarte für die Fanfaren seiner bescheidenen Willkür.


Ich laß ihn nun ziehen, den Betrunkenen, laß ihn allein mit seinen Wünschen, seinem Vergehen.
... meine Hände wollen zu den Brüsten, sie sind nicht zu klein, nicht zu groß, so wie sie da - bierglasschrumpelig - sich bewegen wollen,
frostgewohnt unter eigener Decke und beim nächsten Video in dem Wunsch erstarrend, eine der Vielhändigen, zu verstehen.
Und weiß: mich muß ich ziehen lassen, an Gestade ohne Spiegel, die mir doch nur stets am anderen Morgen sagen : "Deine Augen sind verquollen."

© by Dietmar Engelberth, 2000




© Dietmar Engelberth, 2000