Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Europa (Adventskalender)
  © D. Engelberth, 2004 Europa (Socken - Fotografie - 13.12.2000)

                                                 
Chimären-Panorama

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                                                  Ohnmacht & Allmacht - Georg II

                                                 
Hester erinnert, vermisst. Georg. Er hatte berichtet. Nachts. Zwei, eine vor ihrer Rückkehr. Von Anwälten für Familienrecht. Wie bei den Ärzten. Verlegen sich auf ein Renditefach, oder eines von dem sie glauben, es wäre eins. Krebsdoktoren. Immer noch könnte er ... Von einem Anruf mit seinem Freund. Mit Thorsten, dem Freund. Als es ihm schlecht ging.
Berichtete. Du hast doch Zeit, oder? Nein, ich bin noch hier im Studio. Alte Abrechnungen, neue Programme. Pläne. Sicher. Also. Danke euer Gnaden. Nenn' mich nicht Arsch. Auch nicht Arsch von Gnaden. Apropos, wenn der Anwalt mir heute über den Weg lief, irgendwo, hier, in der Stadt. Ist möglich, ist ja möglich. Manchmal, du hast doch Zeit, gut, stelle ich mir vor, ich kaufe ein, CDs, Wurst, Brötchen fürs Sonntagsfrühstück, Geburtstagsgeschenke und Blumen für den nächsten Monat. Für wen? Für meine treuen Kunden, einen der eingestellten Förderer, was weiß ich, für wen die Blumen sind. Von Zeit zu Zeit kaufe ich mir selbst Blumen. Ja. Habe alles oder sagen wir das meiste. Bekommt man nie, alles von der Liste.

Wenn eigentlich einer alle Listen, alle zerknüllten Einkaufslisten, weggeworfenen Aufgabenlisten sammelte, könnte der, sagen wir ein Schauspieler, ein Museumsmacher, könnte der dann ein Leben nachspielen, nachvollziehen? Mischt sie sich nun ein oder war es in seinen Worten? Immerhin, könnte der?

Georgs aufrechte sechzehn-, siebzehnhundert Millimeter bepackt, am Zebrastreifen, mitten in Deutschland. Zebrastreifen und Ampel, Leone hatte das in seinem Film, Gürtel und Hosenträger, eins könnte ja ausfallen, ja, genau, wurde erschossen, wurde durchlöchert. Und dann ist er da. Vor mir. Was? Na, was die so fahren, Marke für Renditefachbeleger. In seinem neueren Modellwagen, immer silbern, schwarz, anthrazitfarben. Muß warten, die kleine Anzugs-, Krawattensau. Geht's mir nach dem ersten Moment gleich besser. Erschrecken, zögern, Verunsicherung, ist ja alles drin in so einem Moment. Muß warten. Stelle ich mir vor. Kleiner Rückstau. Be- und Entladung in dritter oder zweiter Reihe. Fließt der Verkehr nicht mehr. Einfädeln. Können die nicht. Also dauert's. Mittlerweile haben wir grün. Und er muß warten. Schnauze halb über dem Zebrastreifen. Ist vorbildlich darin. Hat es nicht nötig noch rasch rüber zukommen Er nicht. Er bleibt stehen. Leicht gereizt schon. Höflich.

Erinnert sich in solchem Erzählen Georgs Lippenlecken.

Ich gehe an den Rand, da wo er warten muß, da gehe ich über den Zebrastreifen. Und rauf auf die Karosse, warm, scheißwarm so eine Motorhaube, wenn du dich mit der Hand abstützt. Egal. Und guckt. Hat mich nicht erkannt. Faßt nicht, was da geschieht, was ihm geschieht. Falsches Fach belegt. Will sich rüberbeugen, zum Beifahrersitz, zum Fenster. Auf der Seite hat es begonnen, da bin ich hoch. Aber schon ist der Motor hinter meinen Füßen, ich wieder unten auf der Straße und neben ihm. Da hat er's. Sieht jedenfalls so aus, unter dem Schweißperlennetz. Weiß wer ich bin. Vielleicht hat er aber nur Angst. Trotzdem freche Worte. Will sogar aussteigen, um sich anzulegen. Aber mit mir nicht, nicht mit mir. Du kannst dir nicht vorstellen, was das bedeutet. Was das bedeutet.
Ich schaue ihn an. Mehr noch nicht.

Und die Fahrertür bewegt sich in den Angeln zurück. Nichts das man beachtet, zu schnell normalerweise. Ich sehe jeden einzelnen Zentimeter, mit jedem schauert's mich vor Lust. Mit dem Rest ist sie wieder in Flucht. Die Verriegelung klickt, schließt. Damit nicht genug. Jetzt nicht. Ich nehme mir den Wagen, vorne, wo die Motorhaube scheißwarm ist, da wo ich eben noch oben stand. Umfasse mit beiden Händen die Kotflügel, suche den geeigneten Ansatz, greife nach. Genau wegen der Wertungsnoten. Hebe den Wagen mit dem Herrn Familienrechtsanwalt in die Luft. Der Kofferraum zeigt zur Straße, zum Asphalt. Und dann, dann laß ich ihn aufprallen, schwinge noch zusätzlich Kraft mit federnden Armen hinzu. Künstlerischer Ausdruck. Wie ein Ei auf einen Löffel. Den hielt sie immer. Damals entlang der Loire, auf den Zeltplätzen, morgens, dieser verrottete, spuckende Gaskocher. Sie hielt den Löffel. War ein Spiel zwischen uns. Wuchtiger, besser landet es auf einer Tischkante. Und wie ein Drei-, Vierminüter dellt, öffnet sich das metallene Äquivalent. Hinausquellen Socken, Pornohefte, Verbandskasten und was sonst in seinem Kofferraum ist. Ich laß genüßlich das Kraftfahrzeug nochmal aufprallen, meine Hände über die Kotflügel streichen und sie dann wie eine Priapismus-Skulptur stehen. Er als ausgestellter, glasisolierter, abgestorbener Samenfaden darin. Verdorbene Anlage, ungeeignetes Material, unnützes Leben.
Warum sie das ausstellen, warum sie so etwas ausstellen. Weiß ich doch nicht, was sich Künstler, Kunstkäufer immer denken. Frag nicht.
Zwei Jahre. Scheiße. Zwei Jahre. 700 Tage, mehr noch. Ich kann jeden einzelnen nachstellen. Notizen, Belege. Aber ich weiß nicht, was sich ereignet hat. In der Zeit.


© by Dietmar Engelberth, 2000


                                                 



© Dietmar Engelberth, 2000