Lit. Fass-Säule   
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  © D. Engelberth, 2004 Europa (Adventskalender)
  © D. Engelberth, 2004 Europa (Schal, Bugatti - Fotografie - 1.12.2000)

                                                 
Chimären-Panorama

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                                                  Hester Herbergen - Intro I - Hester I

                                                 
Bon Pays. Hester. Luxemburg, Gutland, Useldange. Aus Gutland: Hester Herbergen. Mit der Kusshandmarotte. Sie eignete ihr. Sie gestand sie sich zu. Sie eignete sie sich an. Sie gönnte sie sich. Sich die Männer vom Hals zu halten.

Diese zu halten war nun nicht anders als viertelstundenweise in einer Pausenzeit gleich welchen Wochentags mit körnerbewehrter Hand die Vögel des Parks.

Die Männer vom Hals.

Funkgerätbehangene Parkplatzeinweiser, Scharfrichter, Juweliere, spezialisierte Ärzte, Tätowierer. Südafrikaner, Franzosen, Slawen.

Warum so fein unterscheiden. Bärtige Kanadier, asiatische Priester - Männer. Reduktionen. Wie seinerzeit, 1507, in Bamberg. Bambergensis constitutio criminale. Die älteste Halsgerichtsordnung. Reduktion. Die ganze Welt. Leben und Tod und Frauen und Eigentum. Und anderes, alles dazu. In einer Ordnung. Fürstensorgfalt. Nicht Mutterherrschaft. Nicht die Systematik derjenigen, die seinen Leichnam in Tücher schlug. Nicht der geregelte Gang seiner Amme. Reduktion.

Schade, so Hester, dass das mittelalterliche Halseisen nicht mehr in Gebrauch war.

Der Wunsch, sie sich griffig zu machen, muss irgendwann zwischen ihren Dreirad- und Rollertagen entstanden sein. Auch die Donnerstagtermine, in denen sie einiges Erlebte, in den Tagen Erlebte, wieder in ihre gegenwärtiges Erinnerungsvermögen beförderte, hatten keine genaueren zeitlich oder ereignisgebundene Hinweise ermöglicht.

Die Idee, wenn denn Reduktion Erfolg ist, die Idee, die Welt mit den sieben Wirbeln und dem umgebenden Nervenstrang-, Fleisch-, Blutbahn-Gewächs zu benennen, kam ihr, als sie erstmals von dem Strangulationstod der Kabriolett-Beifahrerin mit wehenden Haaren und Halstuch hörte.

September 1927. Le Midi. Die künftig Tote. Isadora Duncan. Amerikanerin. Vor kurzem noch verheiratet mit einem russischen Dichter, schwerst alkoholkrank. Das verdecklose Gefährt. Bugatti.

An der Hochburg des Balletts, in Moskau, wollte sie für die Massen tanzen, ihrem freien Tanz zum Durchbruch verhelfen. Ihn den freien Menschen lehren.

In Moskau voller Umbrüche, die nicht mehr Jugendliche und der kranke Rebell, in einer Zeit des Glaubens an die Veränderbarkeit der Verhältnisse und der Menschen.

Das lag hinter ihr.

Leicht zurückgesetzter Beifahrersitz. Vom Fahrer nicht einsehbar. Räder. Offene Speichenräder. Tänzerin. Ein Schal. Chinesische Seide. Einige Getränke in einer nahen Bar. Von Zuhause geholt, ein weiteres Tuch, rot. Zum Tanz der Marseillaise auf der Bühne getragen. Auftrittserfahren. Noch 20 Meter Leben. Carotisriß. Frakturen. Ivan Falchetto, Fahrer. Hielt die Fahrt an.

Père-Lachaise.

Die Speichenräder, der Bugatti gehen an einen Liebhaber tragischer Erinnerungs-
stücke, der fünfzig andere überbot. 65-tausend Francs. Eines amerikanischen Ananaspflanzers Tochter in Honolulu erhält Duncans Schal. 50-tausend Francs.

Konstrukteure, Käufer, Männer. Da hatte Hester den Namen, der die Welt bannen sollte, gefunden. Unfälle, Kunstfiguren. Tote. Für ihre Töchter. Seit 279 v. Chr. Pyrrhus. Den vollen Namen zum Bannen der Reduktionen und Reduzierenden. Nur die Menge entscheidet was ein Gift ist. Erfolge. Sich die Männer vom Hals halten.

Georg, gleichen Namens wie der damalige Fürst, der aus Bamberg im Jahr 1507, Georg war Hesters letzter Hältling.

Um halbdrei saß sie vor einer Kerze auf ihrem Teppich und schaufelte Mohnjoghurt auf die Champagnerpfütze in ihrem Magen. Jazzklänge. Schaufelte gegen deren Rhythmus auf. Die flüsterten ihren Ohren dergleichen nicht ein. Fragen, Splitter, den Hals als Assoziations-Bindeglied zwischen all den Jahrhunderten. Und wenn sie nicht Journalistin geworden wäre? Was dann anders wäre? Krankenschwester: und sie würde Jod- oder Schilddrüsenhormon-Präparate einem schinkenverzehrenden Alpen- oder Pyrenäenbauch verabreichen. Schneiderin, Kostümdesignerin: und sie würde Fischgrätmuster zu Kragen verarbeiten, aus denen eines Tages die herabrieselnden Schuppen nicht mehr zu entfernen sein würden. Chanseuse: so abgedunkelt konnte keine Kaschemme sein, dass man nicht die nach ihrem schalfaltenverborgenen Dekolleté hechelnden Zungen aufleuchten sah. Und da war noch kein Wort über die bis stets zum letzten Knopf geschlossenen Hemden der Agenten gesagt. Bildhauerin: dazu fiel ihr nichts ein. Bildhauerin wäre vielleicht ein anderer Weg.

Es hatte schon seine Ordnung. Eine gefällige. Las sie in ihren Gedanken, im Joghurt, den wie eine Brailleschrift vor sich aufgeschlagen. Bei Kerzenschein. Tagsüber, mit dem tragbaren, akkubetriebenem Schreibgerät und Handy, am Ufer der Alzette und abends, wenn sie mit einem der Abgeordneten, Kommissare, Subalternen aß, an die besondere Rolle des Kehlkopfs in dieser Geschichte zu denken. Bewegtes Objekt kätzischer Begierde. Katz' und Maus. Während sie den europäischen Wein den Schlund hinabsinken sah.

© by Dietmar Engelberth, 2000


                                                 



© Dietmar Engelberth, 2000